Hochschul- und Bildungspolitisches Verständnis der YXK/JXK

Hochschul- und Bildungspolitisches Verständnis der YXK/JXK  

Wir alle, Schüler*innen, Auszubildende, Arbeiter*innen, Student*innen und Erwerbslose, durchlaufen in der BRD ein ungerechtes und undemokratisches Bildungssystem, welches auf das Produzieren von Humankapital ausgerichtet ist.

Schüler*innen werden nach der Grundschule in die Schulformen Haupt-, Real-, Gesamtschule oder Gymnasium sortiert. Ein wichtiger Faktor ist hierbei nicht allein die Leistung eines Kindes, sondern der Bildungsgrad und das Einkommen der Eltern. Soziale Selektion ist daher vorprogrammiert und gewollt. Für viele Schüler*innen, im besonderen Arbeiter*innenkinder, sogenannte Migrant*innen, Geflüchtete und Kinder Erwerbsloser, ist die Aufnahme eines Studiums an einer Fachhochschule oder Universität gar nicht möglich. Es fehlt die nötige Zugangsvoraussetzung, das Geld oder das nötige Wissen über die eigenen Rechte, wobei die Angst vor Verschuldung ebenso ein zentraler Punkt ist. 

Doch wer sich dem Bildungssystem gebeugt und angepasst hat und nun endlich das "Tor des Humanismus und der Bildungsstätte"- die Universitäten -betreten und ein Teil dessen sein darf, wird schnell bemerken: In dieser Fabrik werde ich als Humankapital produziert und verwertet, dessen Beginn sich bereits mit der Ortswahl und dem Studienfach aufzeigt. Schüler*innen werden von Lehrkräften auf sogenannten "Berufsorientierungsmessen" mitgeschleppt, wo verschiedene Unternehmen Schüler*innen vermitteln, dass sie Kriterien zu erfüllen haben, die ihre "Wertigkeit" im Arbeits- und Studierendenleben bestimmen. Diese Kriterien wären sehr gute Leistungen, Flexibilität, Aufopferungsbereitschaft für den Beruf und Auslandserfahrungen. Im Sprachgebrauch der Unternehmen werden diese auch als "Skills" betitelt. Neben den Berufsorientierungsmessen gibt es in den Schulen Orientierungstage, wo Fachhochschulen (private und öffentliche) und Universitäten sich vorstellen. Interessanterweise werden im Besonderen die "MINT-Fächer" stark betont. Schüler*innen bemerken spätestens hier: "es geht nicht darum für das Leben zu lernen", wie es oftmals gerne dargestellt wird, sondern darum ein Rädchen zu sein; den Platz einzunehmen, um das Fortlaufen des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu gewährleisten. Wir werden auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und sollen die Berufe ergreifen, die der Wirtschaft den größtmöglichen Nutzen einbringen."

Wie zeigt sich dieses System in der Auswahl der passenden Universität? Auch hier haben Lehrkräfte eine Antwort parat, nämlich die vermeintlich "beste" Universität. Was genau unter der "besten" Universität verstanden wird, sehen wir an sogenannten Universitätsrankings, wo im Besonderen "Eliteuniversitäten" sehr gut abschneiden. Doch es sind genau diese "Eliteuniversitäten", die eine Ellenbogenmentalität, bestimmte Verwertungslogiken, soziale Selektion und wissenschaftliche Produktivität in unserem gesellschaftlichen Gefüge verankern und somit für eben jene verantwortlich sind.

Mit dem Bewerbungsprozess, beginnt eines der größten Selektionsmechanismen in diesem Prozess: der Numerus Clausus. Der Numerus Clausus wurde vor über 40 Jahren als provisorische Regelung eingesetzt, um das Problem von "mehr Studierende als Studiumsplätze" zu regeln. Aus einer provisorischen Regelung wurde dann der Dauerzustand. Rückblickend können wir sagen, dass der Gedanke von temporären Zugangshürden ein falscher ist. Sie dienen nicht dazu die Situation zu entschärfen, sondern sind ein Instrument, welches von Regierungen eingesetzt wird und ihnen ein Erprobungsspielraum ermöglicht. Dies sehen wir nicht nur am Beispiel des Numerus Clausus, da Studierende oft mit vorgetäuschten "provisorischen Veränderungen" konfrontiert sind, die dann zur Regel werden.

Nach Zulassung zum gewünschten Studiengang erfolgt der Studiums- und Bafög-Dschungel: Wie ist mein Studium strukturiert? Was hat es mit ECTs auf sich? Schaff ich es in Regelstudienzeit? Bin ich überhaupt Bafög-berechtigt und wenn nein, wie werde ich mich finanzieren?

Besonders die Einführung der Bolognareform, und damit die Einführung des Bachelor- und Mastersystems haben diese leidvollen Fragen, die sich alle Studierende mindestens einmal während ihrer Studienlaufbahn fragen, produziert.

Doch was heißt für uns Wissenschaft und Bildung eigentlich? Wissenschaft und Macht sind für uns zwei eng verwobene Konzepte. Denn Wissenschaft wird von HERRschenden geprägt, die darüber bestimmen was „Wissen“ ist und was davon gelehrt wird. So dienen im Besonderen Universitäten, Schulen und andere Apparate der HERRschenden, die aus der Synthese von Kapitalismus, Patriarchat und Staat entstanden sind, als HERRschaftsinstrumente zum Erhalt von Macht und kultureller Hegemonie. Abdullah Öcalan erkannte, dass im Besonderen diese Ideologischen Waffen des HERRschenden Systems eine wichtige Rolle spielen und dabei „(…) die Frage von Macht und Staat zum kompliziertesten gesellschaftlichen Problem aller Zeiten wurde" (Öcalan 2015: 4).

Da das aktuelle Verständnis von Wissen und Wissenschaft ausschließlich auf schriftlichen Aufzeichnungen basiert, werden die Geschichte der Frauen und der Menschen selbst entweder nur sehr wenig von den HERRschenden dokumentiert oder schlicht ausgelöscht. Durch diese errichtete Monopolstellung, wird kontrolliert was und wie wir wissen. Zudem ist die Wissenschaft durch die Tatsache geprägt, dass der Beitrag der Gesellschaften und Frauen in der wissenschaftlichen Sphäre so gut wie nicht vorkommen. Gerade der Ausschluss von Frauen aus den Rängen der Wissenschaft verlangt von uns radikale Alternativen, die die kurdische Bewegung in der Jineolojî fand. Die Jineolojî, auch als "Frauenwissenschaft" übersetzt, ist ein kritischer Wissenschaftsansatz. Dieser kritisiert das elitäre, patriarchale, positivistische Verständnis von Wissenschaft und bemüht sich darum mit einem ganzheitlichen Ansatz dieser Situation entgegenzuwirken. Bereits in vielen Ländern formulierten Frauenbewegungen und Feministinnen eine Wissenschaftskritik. Es entstanden Frauenforschung und feministische Wissenschaftsansätze. Auch wir wollen mithilfe der Jineolojî ein neues Verständnis von Wissenschaft und Bildung aufbauen, was für uns die Aufgabe darstellt, der Gesellschaft freiheitliche Werte zu vermitteln und sie zu bewussten Subjekten zu erziehen. Bildung funktioniert für uns ganzheitlich, das heißt, dass Studiengänge nicht weiter zersplittert werden dürfen. Denn die Spezifität von Studiengängen dient den Unternehmen, die so den Einzelnen besser als Arbeitskraft verwerten können. Auch gezogene Grenzen zwischen Studiengängen sind künstlich und für uns nicht hinnehmbar, denn dort wo Grenzen sind, gibt es Begrenzungen, welche die Entwicklung von ganzheitlich denkenden Individuen unmöglich machen. Deshalb müssen wir beginnen, gemeinsam mit Studierenden, Hochschulgruppen, Fachschaften und ASten, uns alternative Räume zu schaffen und einen alternativen, kritischen Ansatz von Wissenschaft zu erkämpfen und zu erarbeiten.

Wir als Verband der Studierenden aus Kurdistan e. V. - YXK möchten diese Vorstellung von Wissenschaft und Bildung realisieren! Wir möchten alternative Räume schaffen, indem wir gemeinsam diskutieren, uns austauschen und eine Alternative leben. Gerade die Ortsgruppen in Euren Universitätsstädten sind der richtige Ort hierfür. Jede*r unabhängig von Nationalität, Religion und Geschlecht kann mitmachen, sofern die Prinzipien unseres Paradigmas - einer demokratischen, geschlechterbefreiten und ökologischen Gesellschaft - akzeptiert und verinnerlicht wurde.

Als YXK/JXK sehen wir es als unser Selbstverständnis, dass Studierende nicht nur im universitären Umfeld aktiv werden müssen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Mission haben. Im Folgenden die Grundsätze für unsere Hochschul- und Bildungspolitik:

  • Demokratische Bündnisse zwischen linken und fortschrittlichen Studierenden!
  • Zusammenarbeit von Studierenden und Lehrende zur Gestaltung einer gerechteren Universität!
  • Keine Trennung von allgemeiner Politik und Hochschulpolitik: Universitäten müssen im gesellschaftlichen Kontext gesehen werden!
  • Kein elitäres Gehabe: Wissenschaft muss für alle offen sein!
  • Keine Rüstungsforschung an Universitäten!
  • Anerkennung von Studienleistung und Hochschulzugangsberechtigung von Geflüchteten!
  • Kostenloser Hochschulzugang für alle Studierende!
  • Schaffung von selbstverwalteten Räumen und Seminaren von Studierenden an allen Hochschulen!
  • Mehr Mitbestimmungsmöglichkeit von Studierenden bei der Einberufung von Professor*innen!
  • Keine Anwesenheitspflichten in Vorlesungen und Seminaren!
  • Leistungen nicht in ECTs umrechnen! Verwertungslogik stoppen!
  • Polizei und Bundeswehr raus aus unseren Universitäten!
  • Mehr weibliche und migrantische Professor*innen!
  • Keine Partizipationsmöglichkeit für rassistische, nationalistische und sexistische Gruppen und Lehrende an Hochschulen!
  • Semesterticket in allen Bundesländern!
  • Abschaffung der Hochschulsenate!
  • Einführung von Studierendenparlamenten an jeder Hochschule!
  • Keine geringfügige Beschäftigung von Verwaltungs- und Reinigungskräften an Hochschulen!

YXK - Verband der Studierenden aus Kurdistan e. V.
&
JXK - Studierende Frauen aus Kurdistan

19.12.2016

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